Tonia Willumat – Ich bin wer ich bin, wer ich bin

Tonia Willumat – Ich bin wer ich bin, wer ich bin

Apr 29, 2020 | Frauen inspirieren Frauen | 0 Kommentare

Dieser Satz hat mich immer begleitet, in verschiedenen Ausführungen: Laut, leise, gedacht, mit Ausrufungszeichen und oftmals auch als Frage an mich selbst.

Heute bin ich eine andere als vor 20 Jahren, als vor zwei Tagen oder auch nur vor 2 Minuten… das Leben ist Wandel und ich habe gelernt mich so zu nehmen und zu akzeptieren wie ich bin – wer ich bin. Ein Prozess, dem ein langer Weg über hohe Berge und durch tiefe Täler voran ging, bei dem ich manche Gebirge gerne umfahren hätte und die Sonne lediglich hinter der Bergspitze hervorblitzen sah.

Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen, beschaulich am Stadtrand, direkt an der Havel mit Blick auf den gegenüber liegenden Grunewaldturm. Idyllisch. Nach außen hin. Unsere Familie gab ein rundes Bild: Mutter, Vater und 2 Kinder (meine jüngere Schwester und ich). Eltern studiert und gutverdienend, wir Geschwister wohl erzogen mit Hobbies wie Segeln und Reiten. Jedes Jahr Winter- und Sommerurlaub und was man sonst noch so machen konnte. Ich bin als selbstbewusstes, lustiges Kind für jeden Spaß zu haben gewesen, stand gerne im Mittelpunkt und war Unterhalterin ganzer Kindergeburtstag-Parties. Das änderte sich schleichend. So, dass ich mit 13 Jahren zitternd vor einer Apotheke stand, in der ich ein Rezept einlösen sollte und mich nicht hinein traute aus Angst das Falsche sagen zu können.

Mein Vater war ein Narzisst mit sadistischen Zügen, der an Depressionen litt und meine Mutter lebte ständig in der Hoffnung, er oder die Umstände würden sich ändern. Die Einzige, die sich offensichtlich änderte, bin ich gewesen. Das war auch die Zeit, in der meine Mutter ins Handeln kam und meinen Vater verließ. Wir zogen aus unserem Haus in eine schöne Wohnung in der Innenstadt. Meine Mutter veranlasste einen Schulwechsel. Vom Gymnasium auf eine Gesamtoberschule in einem der vielen Brennpunkte unserer Hauptstadt. Um es kurz zu machen, dort lernte ich die falschen Leute kennen und habe mit 15 Jahren meinen ersten Joint im Park neben der Schule geraucht. Von da an täglich. Speed kam dazu. LSD, Ecstasy. Zum Unterricht erschien ich immer seltener. War ich mal dort, fiel mir der Unterricht leicht, aber ich war unsicher, nach Außen taff und innen eingeschüchtert, voller Ängste.

Die Schulpsychologin sollte helfen, hat sie jedoch nicht. 

Meine Mutter hatte einen neuen Mann, meine Schwester blieb am liebsten in ihrem Zimmer und ich kam und ging wie ich wollte. Mit 16 flog ich zu Hause raus. Meine Mutter wusste sich keinen Rat mehr. Heute weiß ich, dass sie damals alles in ihrer Macht Stehende versucht hat aber schlicht überfordert war. Klar hat sie nicht alles richtig gemacht, aber wer macht das schon? (Ich liebe sie sehr und ihr Mann ist seit Langen mein Vater und der Opa meines Sohnes.)

An die Zeit zwischen meinem 15. und 19. Lebensjahr erinnere ich mich nicht mehr in allen Einzelheiten. Ich wohnte mit meiner damals besten Freundin mal hier, mal da, mal dort. Wir gingen feiern, obwohl ich eigentlich nicht gerne weg ging. Ich hatte Freunde, in die ich nicht wirklich verliebt gewesen bin. Wir nahmen Drogen, obwohl ich das Gefühl stoned zu sein blöd fand und manchmal frage ich mich, wie ich das alles überlebt habe. Freundinnen haben es nicht. Manche Bekannte auch nicht.

Es passierten schlimme Dinge (über die ich hier nicht schreiben möchte), aber es gab auch Lichtblicke. Immer mal wieder schimmerte die Sonne zwischen den Bergen auf und mein Verstand setzte ein. Ich machte meinen Realschulabschluss nach, begann mich wieder zu interessieren und verabschiedete mich in einem Rundumschlag von meinen „Freunden“. Auch von meiner besten Freundin. Von einem Tag auf den anderen keine Drogen mehr und keine Freunde. Auch zu meiner Schwester konnte ich nur mit äußerster Willenskraft gehen, denn da wurde noch immer gekifft und allein bei dem Gedanken daran lief mir das Wasser im Mund zusammen. Aber ich wollte nicht mehr, bin irgendwie aufgewacht und es ging mir gut.

All meine Energie steckte ich in den Sport und… wurde sportsüchtig

Nun ja, damit konnte ich ganz gut leben. Neue Freunde kamen in mein Leben und ich traf den ersten Mann, für den ich tatsächlich etwas wie Liebe fühlte. Wir waren 3 Jahre ein Paar. Er war ein Narzisst. Kommt bekannt vor? Ja, Muster wiederholen sich in verschiedenen Nuancen. Ich ließ zu, dass mein Selbstwert wieder in den Keller abstieg, er meinen Alltag bestimmte, ich den Sport aufgab… Freunde verlor und 30 kg zunahm. 2-3-mal nahm ich meinen Mut zusammen und wollte mich trennen. Klappte nicht, da er mich einfach nicht für Voll nahm. Ich ergab mich in mein Schicksaal, er betrog und verließ mich letztendlich. 6 Monate brauchte ich, um das Ganze halbwegs zu verarbeiten und fing derweil wieder mit Sport an. Ich verlor 35 kg und schmiss gleichzeitig mein Abi, das ich während dieser toxischen Beziehung auf dem zweiten Bildungsweg begann zugunsten einer Ausbildung zur Luftverkehrskauffrau.

Ab und an rauchte ich wieder einen Joint und inhalierte Zigaretten. Während dieser Zeit traf ich auch jemanden wieder, den ich aus früheren Zeiten kannte und schon damals großartig fand. Rumen, gutaussehend, immer lustig drauf. Ich war hin und weg von ihm. Seit knapp 17 Jahren sind wir zusammen, er ist der Vater unseres geliebten Kindes und meine Familie. Höhen und viele Tiefen gab und gibt es bei uns. Manchmal wünsche ich ihn zum Teufel, aber er nimmt mich meist wie ich bin (jetzt wieder mit 45 kg mehr auf den Rippen). Er unterstützt mich nicht in all meinen Plänen, aber er ist für mich da, wenn ich ihn wirklich brauche. Wir wohnen nicht zusammen, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass wir überhaupt noch miteinander reden 😉

Das Leben plätscherte so vor sich hin. Nichts Aufregendes und nichts, das mich erfüllte. Ich wünschte mir von Herzen ein Kind. Und mein inniger Wunsch ging vor 7 Jahren in Erfüllung: mein kleiner Sohn erblickte in einer von Blitzen aufgeladenen Sturmnacht das Licht der Welt. Unser Leben war gefüllt und erfüllt von diesem kleinen Wesen. Allerdings änderte sich unsere Beziehung als Paar enorm, denn mein ganzes Augenmerk lag nun auf Simeon.

Die Balance im Leben zu halten fiel mir schon immer sehr schwer… ganz oder gar nicht war und ist in Teilen noch immer meine unbewusste Devise. Dieses „gar nicht“ projizierte ich zu dieser Zeit auf Rumen. Leider. Natürlich hätte er es mir auch einfacher machen können, etwas emphatischer handeln, mich mehr unterstützen, aber damals dachte ich all der Streit und alle Unstimmigkeiten ginge nur auf seine Hälfte des Beziehungskontos. Irgendwann pendelte sich unser Leben wieder ein. Jeder machte sein Ding und unser Kind war und ist unser gemeinsamer Anker.

Anfang 2017 kam der Burnout.

Die ersten warnenden Hinweise ignorierte ich geflissentlich und von heute auf morgen ging nichts mehr. Ich bekam keine Luft mehr, dachte ich müsse sterben. Mein Arzt überwies mich ins Krankenhaus mit Verdacht auf Lungenembolie. Ich wurde komplett durchgecheckt: CT, Blutabnahme, Röntgen usw. Außer extremen Eisenmangel war laut Mediziner alles in bester Ordnung. Trotzdem ging es mir immer schlechter und ich hatte keinen blassen Schimmer, weshalb das so war.

Schon mal was von aquagener Urtikaria gehört? Ich auch nicht, bis ich es hatte. 2x war ich in der Notaufnahme aus Angst zu ersticken. Beim 3x, nach 5 Std Wartezeit, sagte eine Ärztin zu mir, dass ich das nächste Mal doch bitte in eine psychische Klinik gehen solle, die geben mir dann ein paar Pillen und alles ist gut. (Das war mir total peinlich und ich schwor mir, egal was kommt, nicht mehr in die Notaufnahme zu fahren, so schlecht es mir auch gehen möge… so unangenehm war mir das… Verrückt, oder?!) Natürlich hatte ich auch daran gedacht, dass viele meiner Symptome psychischer Natur seien… aber wenn nicht? Mein Hausarzt hatte es nie angesprochen, mich nur von einer Untersuchung zur nächsten überwiesen, Krankschreibungen ausgestellt und das war´s.

Diese Odyssee ging beinahe 2 Jahre und ist auch immer noch nicht komplett überstanden. Hatte ich den schweren Autounfall erwähnt? Der ereignete sich Juli 2017 mit Auto-Totalschaden und Krankenhausaufenthalt. Das schlimme war, der Autounfall kam mir fast gelegen, als Ausrede, da es mir immer noch schlecht ging, es aber natürlich nicht an Äußerlichkeiten, wie ein gebrochenes Bein, festzumachen war… mal abgesehen von der immer noch währenden Urtikaria (Nesselsucht).

Ich begann zu kämpfen.

Für mich, meinen Sohn und unser Leben. Ich habe mich dem gestellt, was da über mich gekommen ist. Habe es beim Namen genannt und aufgehört mich bei allen möglichen Leuten zu rechtfertigen. Ich konnte nicht mehr und mir war sonnenklar, es müsse sich einiges ändern. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt und meine Ängste und Unsicherheiten als einen Teil von mir zu akzeptieren gelernt. Es gelingt mal mehr mal weniger.

Autofahren ging nur noch innerhalb der Stadtgrenzen. Jedes Mal bekam ich Panikanfälle auf der Autobahn… bis ich allerdings dahinter kam, dass das überhaupt Panik-Attacken waren, verging eine lange Zeit… und trotzdem bin ich kurz vor dem Krebs-Tod meiner Freundin mit ihr und den Kindern ins Auto gestiegen und nach Dänemark gefahren. Und trotzdem bin ich im April 2019 wieder ins Auto gestiegen, um zur Mutter-Kind-Kur auf Rügen zu fahren. Ich wollte mir nichts mehr von meiner Psyche diktieren lassen, sondern mit ihr zusammenarbeiten. 

Kunst, Fotografie und Literatur sind schon immer ein großer leidenschaftlicher Teil meines Lebens gewesen. Ich male und lese, seit ich denken kann. Alle Bilder in meiner Wohnung habe ich selbst gemalt oder fotografiert. In meiner Schwangerschaft schrieb und illustrierte ich ein Kinderbuch (nie zu einem Verlag eingeschickt), einfach, weil ich es wollte. Nach der Geburt meines Sohnes entdeckte ich die Fotografie für mich und liebe sie bis Heute. Während der Kur kam ich innerlich mehr und mehr zur Ruhe, mehr zu mir selbst und hatte Zeit zum Nachdenken. Was will ich im Leben erreichen? Wie möchte ich Leben? Welche Werte möchte ich meinem Sohn mitgeben?

Auf jeden Fall möchte ich, dass Simeon sieht und versteht, dass gängige Glaubenssätze wie „nur wer hart arbeitet, kann im Leben etwas erreichen“ nicht die absolute Wahrheit sein müssen. Dass Stärken und Schwächen Hand in Hand gehen und er alles erreichen kann was ihn interessiert und glücklich macht, dass er perfekt und liebenswert ist, wie er ist und immer weiter wachsen kann.

Arbeit darf leicht sein.

Und mir wurde klar, dass ich ihm das am besten vermittele, während ich handle und (mit ihm) ein Leben in positiver Fülle erlebe. So wurde dort im Norden Deutschlands, auf der kleinen Insel Rügen, die Idee meiner zukünftigen Vision geboren. Ich wollte mich mit meiner Lifestyle-Fotografie selbstständig machen.

Zum 01.01.2020 habe ich meine Arbeit gekündigt und bin jetzt selbstständige Fotografin und Webdesignerin für Herzensprojekte. Ich möchte Menschen dabei unterstützen Sichtbarkeit zu erlangen und sie authentisch darstellen. Ich liebe meine Arbeit, die Projekte, die ich unterstützen darf und alle Möglichkeiten, die damit auf mich zukommen. Ich schaue gespannt und voller Zuversicht in meine Zukunft und habe jeden Tag ein Lächeln im Gesicht.

Natürlich weiß ich nicht, wo die Reise hingeht, aber ich habe großartige Freunde um mich, meine Familie und ein positives Mindset im Rücken. Die Sonne steht hoch über den Bergen und beleuchtet die vielen Täler, die hinter mir liegen und die neuen Wege und Ziele vor mir.

Ich bin dankbar, dass ich bin wer ich bin wer ich bin.

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Beispiele meiner Arbeit