Rose Marie Gasser – An den Haaren erkennst Du sie

Rose Marie Gasser – An den Haaren erkennst Du sie

Mrz 26, 2020 | Frauen inspirieren Frauen | 1 Kommentar

Aschblond (1966-1988)

Wenn ich an mein früheres Ich, an das Bild von mir mit Anfang zwanzig denke, überfällt mich stets eine leise Trauer. Ich konnte mich als junge Frau nicht leiden. Obwohl ich als fünftes Kind auf einem Mehrgenerationenhof gut eingebettet war und es mir an nichts mangelte, war ich aus mir unerfindlichen Gründen unglücklich. Und schämte mich dafür. In der Jugend fand ich im Tagebuch ein Ventil und mit dem Schreiben eine lebenslange Freundschaft. Ich machte die Ausbildung zur Kauffrau, nicht weil ich dafür gebrannt hätte, sondern weil die Erwachsenen meinten, ich könnte damit nichts falsch machen. Ich futterte mir einen ansehnlichen Speck an und schlitterte in eine Bulimie. Mit Anfang zwanzig plagte mich Liebeskummer wegen meines untreuen ersten Freundes. Ich war dick, unsicher und blond. Es war kein schönes Blond. Fadblond. Eigentlich keine Farbe. Ein Nichts. Der Ausdruck meines Innenlebens halt.

Hennarot (1988-1992)

Eine Astrologin löste in mir ein Erdbeben aus. Ihr Blick in die Sterne besagte, dass mein Geburtsland Schweiz zu eng für meinen Geist wäre und ich auswandern müsste, wollte ich glücklich werden. Ich glaubte ihr aufs Wort und begann für die Auswanderung nach Australien zu sparen. Als der Tag gekommen war färbte ich mir die Haare Hennarot. Welt ich komme! Meine Entschlossenheit war spektakulär. Ebenso der Weg, wie ich in mein gelobtes Land gelangen wollte. Ich wählte die Seereise, um mich gebührlich von Europa zu verabschieden, indem ich es umrundete. Ich bestieg in Hamburg einen polnischen Frachter und ging sechs Wochen später in Sydney an Land. Und obwohl nach drei Monaten mein Australientraum platzte und ich zurück in die Schweiz musste, veränderte die Frachterreise mein Leben nachhaltig. Ich begriff die Dimensionen der Erde und bekam eine Ahnung von der Schöpfung (wie wunderschön ist unser Heimatplanet!), lernte Gitarre spielen und alternative Lebensmodelle kennen (schau an, so kann man auch leben). Wundersame Begegnungen öffneten mir die Augen für meine inneren Schätze, die mir bis dahin nicht bewusst waren.

Über kurz oder lang (1992-1999)

Ich kehrte zurück, jobbte hier, jobbte da, zog unzählige Male um, gab alles Geld sofort wieder für Reisen aus. Manchmal auch für unselige Liebschaften. Mein erwachter Lebenshunger ließ mich neugierig aber auch rastlos sein. Es folgten Jahre der Unstetigkeit, der Unverbindlichkeit und der experimentellen Lang- und Kurzhaar Frisuren. Mitte Zwanzig war es mein Körper, der mir mit die Notbremse zog. Ich verstand die Botschaft des Darmverschlusses sofort: „Höre auf, dir ständig davon zu laufen. Finde heraus, was du wirklich willst.“ Ich erkannte, dass ich Menschen im Rampenlicht abgöttisch anhimmelte und insgeheim selber auf die Bühne wollte. Ich nahm Gesangsstunden und begann zeitgleich eine Ausbildung als Kunsttherapeutin. Dies in erster Linie, um mein Innenleben und meinen Reichtum zu erforschen, weil ich mir immer noch sehr fremd war. In der Band, in der ich mein Debüt als Sängerin hatte, verliebte ich mich in den Bassisten. Dieser grundsolide Mensch verkörperte alles, was ich damals suchte: einen Felsen in der Brandung, Beständigkeit und mit der gemeinsamen Band durchzechte und ausgelassene Nächte. Nach zwei Jahren wurde ich schwanger und wir heirateten. Mit der Geburt der Tochter gab ich Job, Band und meine Autonomie ab. Mit der neuen Elternrolle entpuppte sich, dass der Bassist und ich, jetzt wo die Party vorbei war, uns nichts zu sagen hatten. Es war der Blick in den Spiegel, der mich in Bewegung brachte: Schulterlanges, abgestumpfte Haar, Augenringe und ein verwaschener Sweater zeugten von einer verhärmten Frau, die mit Anfang Dreißig älter aussah als ihre eigene Mutter.

Wasserstoffperoxid (1999-2000)

Der Schnitt war radikal: Die Haare waren von einem Tag auf den andern raspelkurz und wasserstoffblond. Ich fand eine Anstellung als Kunsttherapeutin und kurz darauf eine Wohnung für meine Dreijährige und mich. Die neue Freiheit fühlte sich sensationell an. Noch heute spricht meine erwachsene Tochter von unserer Mädels-WG als The time of her life. Mir ging es ausgezeichnet, ich war sehr entschlossen, mich nicht so schnell wieder zu binden, obwohl ich nicht abgeneigt war, mich mit Männern zu treffen, die ich dank dem damals aufkommenden Internet easy kennenlernte. Es war mir ein reines Vergnügen zu flirten, zu tanzen, frei zu sein. Als ich mich bei einem Musikprojekt in den Gitarristen verliebte, wehrte ich mich mit Händen und Füssen. Meine Tochter öffnete im wahrsten Sinne des Wortes die Tür. Sie meinte nämlich einmal, noch bevor der Gitarrist und ich uns zum ersten Mal geküsst hatten, in der Tür: „Der Matthias muss hier wohnen.“ Matthias trat ein und blieb. Bis heute.

Kupferblond (2001-2019)

Der Gitarrist und ich heirateten, wurden Eltern von zwei wilden Kerlen und pflegen bis heute unser eigentlich erstes Baby: die gemeinsame Musik. Meine Haare trug ich über Jahre in meiner Wunschfarbe: Blond mit einem schönen Kupferstich. Die fünfköpfige Familie wurde zu meinem Lebensmittelpunkt und hatte als Kunsttherapeutin oder Kauffrau einen Fuß im Berufsleben. Die große Zäsur kam mit dem Hauskauf und dem Umzug in einen anderen Teil der Schweiz. Die Summe einzelner Faktoren (die neue Nachbarschaft, die uns nicht willkommen hieß, das Wegfallen unseres Beziehungsnetzes, der Tod meines Vaters, die überforderung mit Teenager, Trotzkind und einem Baby, das die Nacht zum Tag machte) führte dazu, dass ich mit einer Erschöpfungsdepression in eine Klinik kam und es Jahre dauerte, bis ich zu einer Stabilität zurückfand. An Arbeit ausser Haus war nicht zu denken, ein Wegzug aus dem Umfeld, das uns nicht wohlgesonnen war, ebensowenig. Uns fehlte schlicht die Energie für einen erneuten Kraftakt. Als ich mich mit Mitte Vierzig aufmachte ausser Haus zu arbeiten, sah ich mich mit einer unschönen Realität konfrontiert; der Wiedereinstieg ins Erwerbsleben wollte nicht gelingen und ist bis heute die größte Baustelle meines Lebens. Nach 300 Stellenabsagen hörte ich auf zu zählen. Um meinen Fünfzigsten konfrontierten mich Knoten in der Brust, diffuse Darmbeschwerden, die Zeugenschaft eines brutalen Unfalls auf der Autobahn mit der Endlichkeit des Lebens und mit der Frage: „Was willst du eigentlich mit deiner verbleibenden Zeit noch tun?“ Es war sonnenklar, dass ich meine Australienmission noch einmal aufnehmen wollte. Während dieser zweiten Australienreise streifte mich ein Blitz aus heiterem Himmel: „Schreibe eine Frauensaga!“ Heute sind zwei von fünf Bänden der Bernstein Saga Realität. Das Schreiben und die Lesungen erfüllen mich sehr. Doch noch immer ist es mein Mann, der mir finanziell den Rücken frei hält. Was ich zu gerne ändern würde.

Gold und Silber 2020

Mit den sich anschleichenden Wechseljahren und einem neugierigen Forschergeist, mir selbst neu zu begegnen, beschloss ich im Januar 2019 mein Haupt nicht mehr zu färben. Meine aschblonden Haare sind heute voll, widerspenstig, radikal ehrlich und durchzogen von silbernen und goldenen Fäden. Ich staune darüber und sie stimmen mich versöhnlich. Die goldenen Fäden meines Lebens sind eine aufrichtige Liebe zu den Menschen und allem Menschlichen, eine tiefe Auseinandersetzung mit der Schöpfung, das Reisen, die Sehnsucht am Meer zu leben, das Schreiben, die Musik, die Lust auf der Bühne zu stehen und andere Menschen zu inspirieren. Die reife Frau im Spiegel gefällt mir sehr. Ich fand mich noch nie so schön wie heute. Auch wenn die Frage, womit ich meine Existenz bestreiten kann, immer noch offen ist. Ich bin versöhnt und zuversichtlich, dass ich eines Tages die Antwort weiss.

Rose Marie Gasser Rist
Autorin & Sängerin

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