Martina Neumann-Ploschenz – Linkshänderin – Genie oder Tollpatsch?

Martina Neumann-Ploschenz – Linkshänderin – Genie oder Tollpatsch?

Jan 23, 2020 | Frauen inspirieren Frauen | 2 Kommentare

Die Gratwanderung als Linkshänderin in einer Welt für Rechtshänder

Diese Fragen sind mir mein ganzes Leben gestellt worden:

  • Warum bist du so überzeugt von dem Thema Linkshänder?
  • Ist doch egal mit welcher Hand du schreibst!
  • Linkshänder*innen sind doch flexibel – stell dich eben um.
  • Warum soll ein Arbeitsplatz für Linkshänder*innen eingerichtet werden? Geht doch so.
  • Mit der rechten Hand zu schreiben ist sowieso besser.
  • Als Rechtshänder*in kommst du besser in der Welt klar.

Das sind alles Aussagen, die ich so oft gehört habe und die mich sehr verunsichert haben!
Gerne möchte ich euch mitnehmen in meine kleine Welt und meine Geschichte, die der Ursprung für meine Coaching Praxis und die Grundlage für meine LINKSHÄNDER Beratung sind.

Meine Erlebnisse als Linkshänderin

In den Anfängen der siebziger Jahre war Linkshändigkeit kein positiv besetztes Thema. Es gab kaum Linkshänder – jedenfalls nicht offensichtlich.
In meinem Elternhaus war Linkshändigkeit kein präsentes Thema … gab es einfach nicht.
Bevor ich in die Schule kam, durfte ich mit der linken Hand malen und habe auch sonst vieles intuitiv mit Links gemacht. Da meine Mutter mit zwei weiteren kleinen Kindern viel zu tun hatte, kam das Thema erst bei der Vorschule auf den Tisch. Ich sollte mit der rechten Hand schreiben lernen, dass war ein komisches Gefühl für mich.
Ich wechselte immer wieder die Hand und wurde nachhaltig ermahnt: “Das macht man nicht, es wird mit der rechten Hand geschrieben.” Ich hatte das Gefühl mein linker Arm wird mir festgebunden und eingegipst, damit ich bloß die rechte Hand – na das richtige Händchen – benutze. Schrecklich.
Aber, na ja … man sagt ja, dass Linkshänder auch einen starken Willen haben … und ich war schon immer sehr dickköpfig!
Also schrieb ich nur mit Widerwillen und es kleckst und schmierte.
… es war keine Freude und ich habe sehr gelitten …und meine Mutter und die Klassenlehrerin auch!
In der zweiten Klasse hatte die Klassenlehrerin ein Einsehen und sprach mit meiner Mutter, dass es doch wohl besser wäre, mich mit der linken Hand schreiben zu lassen.

Und siehe da… es ging mir wieder besser … ich lernte mit der linken Hand schreiben … und ich fühlte mich viel sicherer … auf einmal ging es mir auch in der Schule gut. Es fiel mir leichter, mich zu konzentrieren und ich bekam gute Noten.

Aber trotzdem war ich zu Hause immer noch der Tollpatsch.

Ich wollte immer mit „Links“ die Sachen machen.  Das Glas, die Tasse alles stand auf der falschen Seite. Beim Essen habe ich gekleckert, weil ich ja mit der rechten Hand essen sollte – das gehörte sich ja so.
Irgendwann waren meine Eltern es leid und ich habe immer mehr Sachen mit links machen dürfen.
Und wenn ich ein Messer benutzte, dann hat das Schneiden mit der linken Hand immer totales Entsetzen ausgelöst. “Das schaut ja sehr gefährlich aus.” hörte ich sehr oft in meinem Umfeld. So dass ich den Gedanken für mich entwickelte, dass ich immer ungeschickt bin – eben ein Tollpatsch.

Heute weiß ich, tollpatschig war ich ja gar nicht … nur wollte ich die Dinge immer mit der linken Hand zuerst machen und dass ging oft nicht – ein angeborener Reflex.

Und mir wurden alle handwerklichen Tätigkeiten mit der rechten Hand gezeigt… was für ein Drama.

  • Schleifen binden…  – geht andersherum
  • Schneiden – die Schere funktionierte nicht mit rechts und ich konnte die Schnittkante nicht sehen.
  • Nadel einfädeln…  – Die rechte Hand hält die Nadel und die linke fädelt den Faden ein – als Linkshänder.

Irgendwann entschied ich, dass ich handwerklich nicht begabt bin und fürs Basteln nicht geeignet bin.

Linkshänder – Musik und Sport

Zwei Lebensbereiche möchte ich besonders hervorheben, weil sie für mich so gegensätzliche Gefühle ausgelöst haben.

MUSIK: Ein Drama war das Thema Instrument spielen:
Ich sollte Harmonica spielen lernen … dieses Instrument ist nur mit der rechten Hand zu spielen … es hat keinen Spaß gemacht, ich gab mir viel Mühe, aber es reichte nicht und ich beschloss nicht musikalisch zu sein ….
Wie schade… heute möchte ich gerne Gitarre spielen lernen und mal sehen wie es sich anfühlt mit meiner linken Hand Musik zu machen. Ein kleiner Traum, den ich mir noch erfüllen möchte.

SPORT: Handballerin
Dann kam meine Karriere als Handballerin und ich konnte 10 Jahre lang meine Qualitäten als Linkshänderin in einer Handball Mannschaft unter Beweis stellen. Sogar bis in die Berliner Handball-Auswahlmannschaft habe ich es geschafft. Das war eine absolut großartige Erfahrung. Wir waren ein tolles Team und hatten jede Menge Erfolge.

Beim Handball war es das erste Mal in meinem damaligen Leben, dass ich das Gefühl hatte, Linkshänderin zu sein, ist absolut großartig und ich habe besondere Qualitäten.
In meiner Ausbildung zur Industriekauffrau habe ich dann das erste Mal eine Linkshänder Schere geschenkt bekommen – es ging für mich eine Welt auf – ich konnte plötzlich ordentlich schneiden und es sah gerade und schön aus. Ich habe sie übrigens immer noch diese Schere mit den roten Griffen.

Und heute? Ich bin leidenschaftliche Linkshänderin!

Heute mache ich das Thema Linkshänder zu meinem Herzensthema. Ich bin eine glückliche und leidenschaftliche Linkshänderin. Ich verstehe jetzt auch die vielen Seiten dieser Thematik und möchte allen anderen Linkshändern zeigen, wie gut es ist Linkshänder zu sein und welche Blockaden und Ängste damit zusammenhängen können.
Auf meinem Lebensweg habe ich immer wieder Weiterbildungen gemacht, um mich selbst besser zu verstehen, meine Emotionen erklären zu können und leichter kommunizieren zu können.
Erst in einer Übungsrunde beim Wingwave Coaching vor 7 Jahren mit einer lieben Kollegin, habe ich zum ersten Mal das Thema Linkshänder im Coaching als Blockade für meine Selbstzweifel und mein geringes Selbstwertgefühl gefunden. Da begann meine Reise zu mir selbst. Und ich habe auf dem Weg viele Blockaden und Zweifel gelöst.
Und wie schön der Weg ist, wieder zu sich selbst zurückzufinden und eine Erklärung für die verschiedenen Stolpersteine im Leben zu bekommen. Und dieses Gefühl – nicht richtig zu sein – aufzulösen und durch das Gefühl besonders und einzigartig zu sein, zu ersetzen.

Und weißt du, was ein entscheidender Schritt war?

Bis vor zwei Jahren habe ich in der “Hakenhaltung” geschrieben – nicht schön und nicht entspannt.
Ich habe mich um trainiert, mich beraten lassen und schreibe jetzt mit der linken Hand in der “guten Schreibhaltung” und es fühlt sich so entspannt und schön an, dass ich jeden Tag in meinem Tagebuch meine positiven dankbaren Gedanken in schöner entspannter Schrift festhalten kann. Und endlich ein gutes Gefühl für meine Schrift entwickelt habe und mich selbst mehr annehme und wertschätze.

Ich sage ja schon immer zu meinen Coaching Kunden „Durch die Hand, in den Körper, in den Kopf und dann in das Gefühl – so kann Veränderung erfolgreich geschehen.“

Es macht mich so traurig, wenn in einer Welt, wo so viel für Behinderte getan wird, wo so viel Wert auf Transgender gelegt wird und wenn dann Linkshänder einfach so umerzogen werden – auch heute noch unbewusst – und nicht in ihrer Einzigartigkeit und ihren anderen Bedürfnissen gesehen werden.

Unterstütze bitte mein Anliegen mehr Aufmerksamkeit für Linkshänder und ihre Bedürfnisse herzustellen, Bewusstsein zu schaffen und Linkshändigkeit zu unterstützen und den Kindern, das Gefühl zu geben: Es ist gut, dass sie Linkshänder sind und es ist richtig so zu sein!

Lasst uns Alltagsgegenstände entwickeln, die beidhändig genutzt werden können und Arbeitsplätze so gestalten, dass die Menschen mit beiden Händen gut daran arbeiten können.

Hier findet Ihr meine Website https://www.lernlustcoaching.com/
und weitere Informationen über Linkshänder in meinem Blog https://www.lernlustcoaching.com/lernlustblog/linkshaender-test-rueckschulung-schreiben/