Hilde – 83 Jahre reales Leben

Hilde – 83 Jahre reales Leben

Feb 13, 2020 | Frauen inspirieren Frauen | 2 Kommentare

Hallo meine Name ist Hilde,

ich wurde am 17. September 1936 in Neumugl Sudetenland als viertes Kind von 10 Kindern geboren.

Als älteste Tochter stand damals meine Lebensweise fest:

Auf diesem Ticket stand: Arbeit-Verpflichtung-Glaube.
Auf der Rückseite : Hinfallen-Aufstehen-Weitermachen.

Das Ergebnis nach einer 83-jährigen Lebensreise = Manche Situationen waren so, aber ich würde es wieder machen.

ICH BIN STOLZ AUF MEINE 4 TÖCHTER.

Kapitel 1: Du musst dich verteidigen

Ich wurde in einer Zeit geboren, in der die nationalsozialistische Führung Oberhand hatte. “So etwas darf sich nie wiederholen“. Die Erinnerungen daran: als sich meine Tante auf mich geworfen hatte, weil uns die Tiefflieger überflogen haben, die Juden abgemagert durch unser Dorf getrieben wurden. Das sehe ich heute noch vor meinen Augen. Mit 3 Jahren zog meine Familie nach Sandau, jetzt Tschechien. Da wir ja kein Facebook, Instagramm, TV usw. hatten, bekamen wir nicht viel mit von der Welt und was um uns herum passierte.

1945 mussten wir innerhalb 15 Minuten alles zusammenpacken und flüchten. Wir kamen am Heiligen Abend 1945 in einem kleinem Dorf in der Oberpfalz an. Die traurige Gewissheit, wir mussten mit 12 Personen in einem Raum leben. Mein herzensguter Vater versuchte uns eine gewisse Weihnachtsfreude zu machen und stellte einen Christbaum auf.

Die ersten Jahre in diesem Dorf waren nicht schön, da wir als Flüchtlinge immer als Zigeunerkinder beschimpft wurden. Dieser Schmerz sitzt tief. Ich freue mich darüber, dass meine Familie seit 2015 sich nun um Flüchtlinge kümmert und sie durch das Leben begleitet und sie unterstützt.

Kapitel 2: Ich bin stolz auf meine Tochter und gebe nicht auf. Ich schaffe das

Als ich erwachsen wurde, musste ich viel meiner Mutter helfen, auf die Geschwister aufpassen und ich wollte meine schulischen Leistungen bringen. Ohne Geld konnte man aber keine höhere Schule besuchen. Mit 19 Jahren lernte ich meine erste grosse Liebe kennen. Oswald. Was darauf folgte: ich wurde schwanger. In Bayern war es in den 50iger Jahren mit der Arbeit sehr schlecht. Es wurde ja Armenhaus Deutschlands genannt. Er ging ins Ruhrgebiet zum Arbeiten und ich wollte nicht von meiner Familie weg, so ging es mit uns auseinander.

Eine Frau die nicht verheiratet war und ein Kind hatte, war einer Ausgrenzung in der damaligen Gesellschaft ausgeliefert. Ich musste da vieles schlucken.

Kapitel 3: Träume werden wahr. Ich bin stolz auf meine Töchter

1957 lernte ich während eines Krankenhausaufenthaltes meinen Mann Max kennen. Er war ein gut aussehender junger Mann, 8 Jahre älter als ich . Was mir bei ihm gefallen hatte, dass er sich in mich verliebte, obwohl ich ein Kind hatte. Stolz ging ich mit ihm durchs Dorf. 1959 heiratete ich meinen Max und wir bekamen unsere zweite Tochter.

Kapitel 4: Nur an die Familie denken! Wo bleibe ich?  Diese Frage habe ich mir nie gestellt!

Wir bekamen 1962 noch eine Tochter, auf die ich sehr stolz bin. Natürlich wollten wir unseren Kindern ein Zuhause geben und so bauten wir 1966 ein Haus. Ich konnte nicht zuhause bleiben, die Schulden, die Kinder, es fehlte einfach das Geld. Ich ging dann immer von 13.00 Uhr bis 24.00 Uhr in eine Firma, die 50 Km von uns entfernt war. Gott sei Dank mit dem Firmenbus. Morgens stand ich auf und kümmerte mich um meine Kinder, bevor sie in die Schule gingen, verrichtete den Haushalt und mittags ging ich dann wieder los. Ja, so hatte ich auch mein Fitness Studio. Hätte ich damals einen Schrittzähler gehabt, er hätte sich überschlagen.

Kapitel 5: Angst vor der Zukunft. Ich bin stolz auf meine Töchter

1968 wurde meine vierte Tochter geboren. Heutzutage hat die Forschung in Sache „Verhütung“ mehr Erfahrung als damals. Die Schwangerschaft warf mich kurz aus der Bahn……wie soll es weitergehen. Schulden am Haus, nur ein Verdienst und 3 kleine Kinder?

Kapitel 6: Wie und wem mache ich es Recht…..ich war eine Macherin

Das Familienleben war geprägt von Höhen und Tiefen, ich versuchte wenigstens am Sonntagnachmittag ein bisschen gemeinsame Zeit zu finden. Ein grosser Schicksalsschlag für mich war der frühe Selbstmord meines geliebten Bruders. Der seelische Schmerz und das Familienleben nahm mir immer mehr Kräfte und so verschrieb mir mein Arzt eine Kur. Was soll ich sagen, ich war am Ende, meine Kinder haben ohne mich die 4 Wochen gelitten, mein Mann versuchte alles zu managen und ich war froh, dass mir meine Eltern zur Seite standen.

Du gehst auf Erholung und denkst ständig an deine Kinder.

Kapitel 7: Das Leben ist kein Wunschkonzert

Ende der 70er Jahre wurde mein Man an den Gelenken sehr krank. Er lag 6 Monate im Krankenhaus und ein Umbau im Haus stand an, zum Krankenhaus fahren, Hausbau mithelfen , Kinder und der Beruf!

Wieviel Kraft hat ein Mensch? Mein Mann wurde berentet. Sparen war wieder angesagt.

Kapitel 8: Sorge um die Familie

Die Jahre zogen ins Land, die Töchter wurden erwachsen, heirateten und 2 von Ihnen bekamen 4 Kinder. Ich wurde Oma und machte hier meine Erfahrungen. Die jüngste Tochter lebt schon immer mit mir zusammen. Ihre Ehe ging wegen einer anderen Frau auseinander und es ist sehr furchtbar, sein eigenes Kind leiden zu sehen. Meine zweite Tochter hatte mit 9 Jahren einen Blinddarmdurchbruch und ich hätte sie fast verloren. Unsere dritte Tochter muss sich schon als Teenager mit Knochenproblemen herumschlagen. Meine älteste Tochter bekam immer wieder Probleme, dass sie nicht die leibliche Tochter war. Gedanken, Gedanken und nochmals Gedanken.

Kapitel 9: In guten, wie in schlechten Tagen. Was sich nicht schickt, ist dem Menschen sein Glück!

Wenn man glaubt, es läuft ganz gut, dann bekommt man wieder mal einen Schlag ins Gesicht.

Mein Mann Max erkrankte an Prostatakrebs und ich habe ihn 7 Jahre bis zum Tod begleitet und am Schluss voll gepflegt. In der Zwischenzeit hatte ich einen grossen Streit mit meinem Bruder und es ging soweit, dass wir das Haus nach 27 Jahren verkaufen mussten. Neuanfang, der uns am Anfang viel Kraft und Ärger bereitete. Mein Vater wurde immer schwächer und so nahm ich ihn auch bei uns auf. Ich teilte mir die Pflege mit meiner Schwester. Ich ging nach 37 Jahren Arbeit in die Rente. Irgendwann wollte man ankommen, aber ich wollte niemanden in Stich lassen, der einem soviel im Leben gegeben hatte.

Kapitel 10: Wie die Schicksalsuhr schlägt

Das Leben ist manchmal wie ein Liebesroman. Als mein Mann Max verstarb, stand kurze Zeit später meine Jugendliebe Oswald, der Vater meiner ältesten Tochter, vor mir. Er konnte mich all die Jahre nicht wirklich vergessen.

42 Jahre waren vergangen, er hatte immer wieder mal Kontakt zu seiner Tochter und es ist wirklich verrückt, wie ein Kind das gar nicht mit einem Elternteil zusammen lebt, die gleichen Gesten und Charakter haben kann. Wir verbrachten noch 11 Jahre gemeinsam, bis ich auch ihn verlor.

So meine Lieben, nun komme ich zum Ende, ich könnte Euch noch soviel erzählen. Ich geniesse es noch mit einigermassen gesunden Zustand zu reisen. Ich hatte eine Herzmuskelentzündung, die ich überlebt habe und auch eine komplizierte Halswirbeloperation.

Freude bereitet es mir, die Zeit mit meinen 4 Töchtern und Schwiegersöhnen zu verbringen. Meine 4 Enkel mit Partnern, sowie die fast 3 Urenkel bringen mich zum Lachen. Ich freue mich auch immer wieder über den Besuch unserer Flüchtlinge, die wir in unserer Familie seit 2015 begleiten. Welch eine Lebenserfahrung, die Kulturen anderer Länder kennen zu lernen. Früher konnten wir uns doch gar keinen Urlaub leisten. Mit meinen Geschwistern und Freunden verbringe ich gerne gesellige Stunden. Ich bin dankbar für jeden Tag. Ich bin all die Jahre ein humorvoller Mensch geblieben und immer geerdet! Wisst ihr warum?

Mein Zuspruch an Euch: Nehmt nicht alles so tragisch, das Leben kommt wie es kommen muss.

Es tat mir oftmals leid, dass ich nicht soviel Zeit für meine Kinder hatte, aber ich habe durch ihre Selbstständigkeit vier fleissige Gutmenschen mit Respekt, Ehrlichkeit und Nächstenliebe erzogen.

Das ist es, was im Leben zählt!

Eure Hilde